Glossar / Wissensdatenbank

Fremdkapital und Fremdkapitalquote

Kurzdefinition Fremdkapital

Fremdkapital (auch Kreditkapital, Verbindlichkeiten oder Schulden) ist grundsätzlich die Bezeichnung für die nach den Vorschriften des HGB (Handelsgesetzbuch) bilanziell ausgewiesenen Verbindlichkeiten und Rückstellungen eines Unternehmens gegenüber Gläubigern, sofern sie rechtlich entstanden oder wirtschaftlich verursacht sind.

Fremdkapital und Eigenkapital in der Bilanz

Fremd- und Eigenkapital stehen auf der rechten (oder Passiv-) Seite der Bilanz und bilden die Finanzierungsseite des Unternehmensvermögens ab, das Gesamtkapital des Unternehmens und seine jeweilige Herkunft. Währenddessen listet die linke (oder Aktiv-) Bilanzseite die Vermögenswerte des Unternehmens auf, nämlich die Verwendung der Finanzierungsmittel.

Fremdkapital ist demnach ein ebenso wichtiger Finanzierungsbaustein wie Eigenkapital, wobei Fremdkapitalgeber anders als Eigenkapitalgeber kein Miteigentum am Unternehmen in Form einer Beteiligung erwerben.

Fremdkapitalgeber sind Gläubiger

Fremdkapitalgeber werden Gläubiger von Unternehmen und haben demzufolge Ansprüche auf Rückzahlung/Tilgung und ggf. Zinszahlung für das von ihnen zur Verfügung gestellte Kapital. Fremdkapital kann langfristig als Anleihen, Hypotheken etc. oder mittel- bis kurzfristig ausgereicht werden (zum Beispiel als Kontokorrentkredite durch Banken).

Kurzfristig wird Fremdkapital häufig von Kreditoren der Unternehmen gestellt, wenn sie etwa Zahlungsziele einräumen. Dabei stehen kurzfristige Fremdmittel nach marktüblich gebräuchlicher Definition für bis zu 90 Tage zur Verfügung. Mittelfristige Fremdmittel liegen zwischen 90 Tagen und vier Jahren, langfristige Fremdfinanzierung läuft über 4 Jahre und mehr.

Die Höhe der Verzinsung des Fremdkapitals gegenüber dem Gläubiger ist in aller Regel abhängig vom Risiko und von der Laufzeit der Darlehen. Dabei ist die Verzinsung normalerweise erfolgsunabhängig.

Zum bilanziellen Fremdkapital zählen auch die Rückstellungen – das sind finanzielle Verpflichtungen, über deren Anfall und Höhe Unsicherheit besteht. Sie gehören zur Innenfinanzierung von Unternehmen, während Kredite zur Außenfinanzierung zählen.

Arten von Fremdkapital

Weiterhin lassen sich verschiedene Arten von Fremdkapital anhand der Absicherung des Kreditgebers unterscheiden in

• Senior debt (erstrangig abgesichertes Fremdkapital): Hierbei handelt es sich um Fremdkapital im eigentlichen Sinne, das etwa bei Immobilienfinanzierungen mit einer erstrangigen Grundschuld abgesichert wird, und
• Junior debt (nachrangig abgesichertes Fremdkapital) und Mezzanine-Kapital, das (s.u.) je nach Ausgestaltung bilanziell zum Eigenkapital zählt.
 
Der Fremdkapitalbedarf von Unternehmen ist in verschiedenen Unternehmensphasen unterschiedlich hoch, denn Wachstum und/oder Umstrukturierungen erfordern häufig höhere Fremdmittel als „Business as usual“-Zeiten.

In aller Regel ist Fremdkapital schneller verfügbar als Eigenkapital, insbesondere im Rahmen einer stabilen Hausbankverbindung.

Abgrenzung von Eigenkapitalposten 

Abgrenzungsprobleme zu Eigenkapitalposten lassen sich (wichtig besonders für externe Analysten und Partner von Unternehmen) anhand der Rückzahlungsmöglichkeiten und -verpflichtungen lösen: Wenn ein auch nur geringes Rückzahlungserfordernis besteht, ist diese Bilanzposition dem Fremdkapital zuzuordnen.

Beispiele für Fremdkapitalposten 

  • Rückstellungen 
  • Kapitalformen mit erfolgsunabhängiger Verzinsung.
  • Nachrangdarlehen
  • Genussrechte (entsteht die bedingte Rückzahlungsverpflichtung erst bei Liquidation, sind sie als Eigenkapital einzustufen!)
  • stille Gesellschaften (es sei denn, eine Verlustbeteiligung ist nicht ausgeschlossen)
  • Gesellschafterdarlehen sind formal zwar Fremdkapital, werden jedoch wie wirtschaftliches Eigenkapital behandelt

Mischformen von Eigen- und Fremdkapital

Mischformen wie Mezzanine-Kapital stehen zwischen Eigen- und Fremdkapital. Mezzanine-Geber erhalten häufig erweiterte Mitsprache- und Kontrollrechte und/oder erfolgsabhängige Verzinsungskomponenten, wie das etwa bei partiarischen Darlehen oder Gewinnschuldverschreibungen der Fall sein kann.

Solche hybriden Finanzierungsformen kommen beispielsweise bei der Finanzierung einer Unternehmensgründung zum Einsatz.

Fremdfinanzierung umfasst damit alle Maßnahmen, die Unternehmen ergreifen, um Fremdkapital zu akquirieren.

Finanzierungsregeln für Eigen- und Fremdkapital

Sogenannte Finanzierungsregeln beziehen sich auf bewährte Bilanzstrukturnormen hinsichtlich der Zusammensetzung und Verwendung des Gesamtkapitals (Eigen- und Fremdkapital) einer Unternehmung.

Vertikale Finanzierungsregeln 

Vertikale Finanzierungsregeln erfassen als Kapitalstrukturnormen lediglich die Passivseite der Bilanz und setzen einzelne Passiv-Positionen miteinander ins Verhältnis.

Ein typisches Beispiel sind Eigen- bzw. Fremdkapitalquote: Sie geben den Anteil des (wirtschaftlichen) Eigenkapitals bzw. des Fremdkapitals an der Bilanzsumme an. Eine höhere Eigenkapitalquote verbessert die finanzielle Stabilität und die Bonität der Unternehmen.

Allerdings existiert keine allgemeingültige Untergrenze für eine (Mindest-) Eigenkapitalquote, vielmehr spricht man von einer „angemessenen Eigenkapitalquote“, die je nach Reifestadium des Unternehmens und der Branche in unterschiedlicher Höhe angesiedelt sein wird.

Umgekehrt zeigt der Verschuldungsgrad das Verhältnis des Fremdkapitals zum Eigenkapital eines Unternehmens. Dabei ist zu beachten, dass der optimale Verschuldungsgrad in aller Regel NICHT gleich Null sein kann: Fremdfinanzierung ermöglicht die Nutzung der Hebelwirkung des Leverage-Effekts, solange der Fremdkapitalzins niedriger liegt als die Gesamtkapitalrendite des Unternehmens.

Unter diesen Voraussetzungen erhöht eine Fremdfinanzierung die Gesamtkapitalrendite. Diese und ähnliche Überlegungen sind von Unternehmen im Rahmen der Ermittlung des optimalen Verschuldungsgrades anzustellen. Eine zu hohe Verschuldung ist problematisch, da sie – ceteris paribus – sukzessive die Kosten der Fremdfinanzierung erhöht. Dieses Vorgehen kann ebenfalls die Unternehmensentwicklung lähmen. „Die Optimierung muss demnach simultan unter Unsicherheit stattfinden.“

Andere Kennzahlen stellen die Fristigkeit der Fremdmittel in den Fokus.

Horizontale Finanzierungsregeln 

Horizontale Finanzierungsregeln setzen Aktiva und deren Finanzierung ins Verhältnis.

Die Goldene Finanzierungsregel will die Fristigkeit des im Vermögen eines Unternehmens gebundenen Kapitals mit der Dauer der Kapitalüberlassung übereinbringen, um die Risiken einer Anschlussfinanzierung zu reduzieren – dazu gehören Prolongations-, Substitutions- und Zinsänderungsrisiko. Sie postuliert also eine Fristenkongruenz zwischen Finanzierung und Vermögen, um dadurch die Liquidität des Unternehmens zu sichern.

Zusätzlich fordert die Goldene Bilanzregel bestimmte Relationen zwischen Eigenkapital, lang- und kurzfristigem Fremdkapital: Langlebiges Umlaufvermögen soll ihr zufolge genau wie Anlagevermögen mit langfristig zur Verfügung stehendem Kapital wie Eigenkapital und langfristigem Fremdkapital finanziert werden.

Der Liquiditätsgrad ist demnach ein Beispiel für eine horizontale Kennzahl und setzt die liquiden Mittel von Unternehmen ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten.

All diese Überlegungen gehen in die externe und interne Bilanzanalyse von Unternehmen ein, die dazu dient, deren langfristige wirtschaftliche Stabilität zu beurteilen.

Fremdkapitalquote und AIF

Für Anleger und Interessenten an AIF sind die Fremdkapitalquoten der jeweiligen Fonds ebenfalls von Bedeutung.

Bei Immobilien-, Schiffs- oder Flugzeugfonds beispielsweise beeinflusst der Stand der Verbindlichkeiten (=des Fremdkapitals) bei Auslaufen der Grundmietzeit den Grad der Entscheidungsfreiheit bei der Neu-Vermietung, genau wie bei Ablaufen der Zinsbindung des Ursprungsdarlehens: Sinkende Mieterträge bzw. steigende Fremdkapitalkosten reduzieren die Rentabilität des Investments deutlich, im Extremfall bis hin zum Totalverlust.

Fremdkapitalquote bis zu 80 % 

Auf Basis solcher Überlegungen haben sich für die einzelnen Assetklassen über die Jahre hinweg marktübliche Spannen weithin akzeptierter Fremdkapitalquoten herauskristallisiert, die in Abhängigkeit vom angenommenen Risiko der jeweiligen Assetklasse stehen.

Bei Immobilienfonds mit Bestandsobjekten in guten Lagen liegt die mittleren Fremdkapital-Quote üblicherweise zwischen 50 und 60 %, bei Projektentwicklungsfonds in aller Regel etwas darüber.

Mobilienfonds wie Schiffs- und Flugzeugleasingfonds weisen häufig ebenfalls tendenziell höhere Fremdkapitalquoten in einer Gegend von bis zu 80 % auf, vergleichbare Fremdkapitalquoten von damals bis 80 % fanden sich bei Solarfonds aus der Zeit fester Einspeisevergütungen vor über 20 Jahren.

Den Gegenpol markieren in Zielfonds investierende Private-Equity-Fonds, die üblicherweise zu 100 % eigenfinanziert sind, da ihre Zielfonds und die letztlichen Portfoliounternehmen in aller Regel bereits erhebliche Fremdmittel einsetzen.

 

EURAMCO-Quellen

AIF
Anleger
Assetklassen
Eigenkapitalquote
Private-Equity-Fonds

 

Weiterführende Links zum Thema

Bilanzierungsgrundsätze im HGB
Finanzierungsregeln
Fremdfinanzierungsfristen
Fremdkapitalarten
Fristenkongruenz
Horizontale Finanzierungsregeln
Kontokorrentkredit
Kurzfristige Fremdfinanzierung
Leverage-Effekt
Mezzanine-Kapital
Rückstellungen
Verbindlichkeiten und Bonität
Verbindlichkeiten und Rückstellungen
Vertikale Finanzierungsregeln
Verzinsung von Fremdkapital

 

Stand der Informationen: April 2022

Informieren Sie sich über weitere Fachbegriffe in unserer Wissensdatenbank
EURAMCO Holding GmbH
Max-Planck-Strasse 3 · 85609 Aschheim
Telefon 089 45666-0 · Telefax 089 45666-299

Wir sind Mitglied bei: